Sonntag, 8. Februar 2026

Kreis Darmstadt-DieburgInformieren, Vorleben, Mitnehmen

[15.11.2012] Der Kreis Darmstadt-Dieburg hat die Notwendigkeit eines Umdenkens hinsichtlich der Energieversorgung frühzeitig erkannt und bezieht dabei auch die Bürger ein. Über das Energiekonzept der Kommune hat stadt+werk mit Landrat Klaus Peter Schellhaas gesprochen.

Herr Landrat, der Kreis Darmstadt-Dieburg erarbeitet derzeit ein Konzept für eine zukunftsfähige, lokale Energieversorgung. Auf welchen Bausteinen beruht dieses?

Einfach gesagt, auf den erforderlichen Bausteinen, um der großen gesellschaftspolitischen Herausforderung Klimawandel und Erschöpfung fossiler Brennstoffe im Rahmen unserer Möglichkeiten zu begegnen. Es geht uns hierbei darum, mittels zukunftsfähiger Energieversorgung und der Lokalisierung von Potenzialen und Verbrauch zur Energiewende beizutragen. Im Wesentlichen besteht unser Konzept aus drei Komponenten: Zum einen ist dies die flächendeckende Erzeugung erneuerbarer Energien, also dem Ausbau der Potenziale von Wind, Sonne, Biomasse und Geothermie. Weiterhin beabsichtigen wir eine schrittweise Umstellung der Mobilitätsstrukturen, indem wir eine Hinwendung zur umweltverträglicheren Fortbewegung, wie zum Beispiel der Elektromobilität, anstreben. Und schließlich geht es uns um einen Ausbau der kommunalen Wärmenutzung durch Gebäudesanierungen, Abwärmenutzung oder effiziente Heiztechniken, um nur einige Möglichkeiten zu nennen.

Welche Ziele hat sich der Kreis bei der Neuausrichtung seiner Energiepolitik und der Energieversorgung gesetzt?

Unsere Ziele sind klar: Neben dem wichtigen Beitrag zum Klimaschutz durch Energieeinsparungen und Senkung der CO2-Emissionen geht es darum, bezahlbare Energie zu erhalten und natürlich die Energieversorgung als solche sicherzustellen. Gerade letzteres ist auch im Hinblick auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Darmstadt-Dieburg entscheidend. Im Grunde genommen wird es zukünftig überall der bisherigen Globalisierungsstrategie entgegenlaufen müssen: Energie gilt es dort zu erzeugen, wo auch produziert wird. Natürlich sind das ehrgeizige Ziele. Aber Energieselbstverwaltung auf regionaler Ebene kann es nur durch ein Zusammenwirken von Kommunen, Bürgern und Wirtschaft geben. Und ein Landkreis kann und sollte hier als zentraler Steuerungs- und Impulsgeber agieren.

„Energiegenossenschaften benachbarter Landkreise haben Konjunktur.“
Welche Vorhaben sind in Darmstadt-Dieburg konkret geplant oder wurden bereits realisiert?

Ich glaube, im Landkreis wurde die Notwendigkeit eines Umdenkens hinsichtlich der Energieversorgung frühzeitig erkannt. Ausgangspunkt für konkrete Überlegungen ist eine Potenzialstudie aus dem Jahr 2008 für den Ausbau erneuer-barer Energien. Hierauf baut unser Klimaschutzkonzept auf, welches gegenwärtig erstellt und drei Teilkonzepte entsprechend der erwähnten Bausteine enthalten wird: Eine Potenzialanalyse Erneuerbare Energien, eine Machbarkeitsstudie Klimafreundliche Mobilität und ein Konzept zur Integrierten Wärmenutzung für Kommunen. An den Ergebnissen des Klimaschutzkonzeptes wird sich dann unser weiteres Vorgehen ausrichten. Darüber hinaus haben wir aber bereits jetzt eine Vielzahl von Unternehmungen getätigt, die unsere Ziele widerspiegeln. So werden sämtliche Baumaßnahmen des Landkreises unter den geschilderten Prämissen ausgeführt. Zu erwähnen ist hier insbesondere unser umfangreiches Schulbauprogramm. Wir sind zudem bestrebt, bauleitplanerische Vorgaben im Rahmen unserer Möglichkeiten anzuregen. Basierend auf unserem Konzept ist zudem die Gründung einer Energiegenossenschaft zur Gewinnung regenerativer Energien gemeinsam mit Kommunen und weiteren Akteuren in der Diskussion. Vor allem aber gibt es bereits eine Vielzahl von Projekten zur Gewinnung regenerativer Energie, welche die volle Unterstützung des Kreises erhalten. Hervorzuheben wäre etwa die geothermische Bohrung bis in eine Tiefe von über 800 Metern in Groß-Umstadt durch den Energiedienstleister HSE, mit welcher ein mittelständisches Industrieunternehmen autark versorgt wird – ein Projekt von sicherlich europaweiter Bedeutung.

Ein wichtiges Stichwort bei der Umsetzung der Energiewende lautet Akzeptanz. Was können Kommunen tun, um diese zu erreichen?

Informieren, Vorleben, Mitnehmen. Diese drei Aspekte sind für mich die Schlüsselbegriffe, um Bürger und Wirtschaft für die Notwendigkeit der Energiewende zu sensibilisieren. Eine Grundakzeptanz ist bereits vorhanden – das ist wichtig. Das Was und das Wie hingegen müssen im Detail kommuniziert werden. Hierzu gehören eine breite Öffentlichkeitsarbeit ebenso wie Energieberatungen vor Ort in den Kommunen, im Optimalfall in Kooperation mit den Energieversorgern, wie es zum Bespiel bei uns im Kreis durch die Entega geschieht. Auch habe ich mit dem Energieforum eine turnusmäßige Gesprächsreihe für die Bürger initiiert. Das Vorleben besteht darin, eigene Liegenschaften energetisch zu sanieren, regenerative Energien zu nutzen und mit gutem Beispiel voranzugehen, indem man die Mobilität der eigenen Mitarbeiter im Sinne eines zukunftsfähigen Energiekonzeptes positiv verändert. Auch hieran arbeiten wir.

Der Kreis Darmstadt-Dieburg will bei der Realisierung seines Energiekonzeptes die Bürger einbeziehen. Welche Möglichkeiten der Beteiligung haben diese?

Aktuell steht für uns die Gründung einer Genossenschaft für die Nutzung von Windenergie im Vordergrund. Bürger können sich aktiv beteiligen, indem sie Anteile der Genossenschaft erwerben. Erfahrungen zeigen, dass derartige Organisationsformen auch als Akzeptanzmotor dienen. Wir wissen, dass die Energiegenossenschaften benachbarter Landkreise oder unserer kreisangehörigen Stadt Pfungstadt Konjunktur haben. Die weiteren konkreten Beteiligungsmöglichkeiten werden sich aus den Ergebnissen des Klimaschutzkonzeptes ableiten lassen.

Welche Anregungen haben Sie von den Bürgern erhalten und inwiefern werden diese in die Erstellung des Konzeptes einfließen?

Ich persönlich, aber auch andere Akteure, werden immer wieder auf Energieerzeugung und Energievorsorge angesprochen. Dabei werden uns viele gute Anregungen und Ideen geliefert, die auch in die Entstehung unseres Konzeptes einfließen. Das Ganze ist ein stetiger Prozess. Was wir aber feststellen ist, dass die Bürger nach einer zukunftsfähigen lokalen und flächendeckenden Energieversorgung fragen. Und wer sonst als ein Landkreis kann hierauf strukturierte Antworten geben?

Interview: Bettina Schömig

Schellhaas, Klaus PeterKlaus Peter Schellhaas (SPD) ist seit 2009 Landrat des Kreises Darmstadt-Dieburg. Von 2000 bis 2006 war der Diplom-Sozialpädagoge Bürgermeister der Gemeinde Modautal im Landkreis Darmstadt-Dieburg und ab dem Jahr 2007 als Erster Kreisbeigeordneter Sozialdezernent des Landkreises und Vertreter des Landrats.



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