InterviewEffizienz statt Ausbau

Dr. Lutz Mez: „Energieeffizienz ist wichtiger als der forcierte Ausbau erneuerbarer Energien.“
(Bildquelle: privat)
Herr Dr. Mez, im Ausland wird die deutsche Energiepolitik mit Interesse verfolgt. Ist die Energiewende ein deutsches Phänomen?
Zunächst muss man festhalten, dass der Begriff Energiewende bereits in den 1980er-Jahren geprägt worden ist. Damals erschien die Studie „Energie-Wende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Dann sprach man von der Energiewende von unten – durch eine neue Energiepolitik der Kommunen. Als 1986, nach Tschernobyl, ernsthaft über einen Atomausstieg debattiert wurde, zeigten sich Unterschiede in den europäischen Ländern, die das Thema höchst unterschiedlich bearbeitet haben. Der Komplettausstieg kam nur in Deutschland und Italien auf die Tagesordnung. Aber auch in Belgien, der Schweiz und in Schweden gab es Atomausstiegsbeschlüsse. Im europäischen Vergleich ist das schwedische Energieprogramm deutlich ambitionierter als unseres. Der Anteil von Öl – immerhin 30 Prozent – soll dort bis 2020 ganz wegfallen.
Wie groß ist die Vorreiterrolle Deutschlands bei der Energiewende im europäischen Vergleich?
Es ist schwierig, über Vorreiter und Nachzügler zu sprechen, da die europäischen Länder sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Selbst die großen Industrieländer weisen ganz verschiedene Strukturen auf. Mit der EU-Richtlinie über erneuerbare Energien wurden verbindliche Ziele bis zum Jahr 2020 vorgeschrieben, etwa der 20-prozentige Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch. Dem Zwischenstand vom März 2013 zufolge haben sämtliche EU-Länder, bis auf Malta und Zypern, ihre Ziele erreicht. Elf Staaten haben es sogar um zwei Prozent überboten und vier Staaten haben ihr Ziel für 2020 schon realisiert. Das sind Schweden, Estland, Österreich und Norwegen. Unter den großen Industrienationen steht Deutschland zwar gut da, aber es gibt auch Länder, besonders die kleineren, die bereits deutlich mehr erreicht haben.
Hat Deutschland denn gegenüber den großen Industrienationen einen Vorsprung?
Der Atomausstieg hat bei uns früher begonnen – und im Zuge der Wiedervereinigung wurden alle AKW-Blöcke der ehemaligen DDR stillgelegt. Italien ist zwar direkt nach Tschernobyl ganz aus der Atomkraft ausgestiegen, aber mit der Folge, dass italienische Stromkunden noch heute 200 Millionen Euro im Jahr für die vier stillgelegten AKWs aufbringen müssen. Bei uns haben die Betreiber Rückstellungen für Stilllegung und Rückbau der AKWs gebildet und über den Strompreis auf die Stromkunden umgelegt. Sie haben eine gut gefüllte Kriegskasse, bevor sie die Anlagen endgültig abschalten. Frankreich setzte nach der Energiekrise in den 1970er-Jahren auf Atomstrom, der heute etwa 17 Prozent des Endenergieverbrauchs ausmacht. Der französische Präsident Hollande will bis 2025 insgesamt 24 Blöcke abschalten.
Wie sieht es bei der CO2-Reduktion aus? Nach EU-Vorgaben sollen 40 Prozent Kohlendioxid bis 2020 eingespart werden. Laut Umweltbundesamt sind die deutschen Emissionen im Jahr 2012 um 1,1 Prozent angestiegen.
Die Situation verändert sich nicht so rasch. Die schnellen Stellschrauben im Kraftwerksbereich wären die Kraft-Wärme-Kopplung und die Substitution von fossilen Energieträgern durch erneuerbare Energien. Dazu benötigt man allerdings Rahmenbedingungen, die eine Wirtschaftlichkeit ermöglichen, was zurzeit nicht der Fall ist. Wenn große Industriebetriebe Heizkraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung selbst betreiben würden, könnten konventionelle Kondensationskraftwerke und AKWs schneller ersetzt werden. Doch diese Szenarien sind nicht umgesetzt worden.
„Bei der Effizienzsteigerung liegen Finnland, Slowenien, Ungarn und Großbritannien vor Deutschland.“
Was müsste nun getan werden?
Will Deutschland seine Klimaziele erreichen, müsste der Anteil erneuerbarer Energien in der Stromerzeugung bei 80 Prozent liegen. Meines Erachtens ist jedoch die Energieeffizienz wichtiger als der forcierte Ausbau erneuerbarer Energien. Solange das Problem der Speicherung nicht hinreichend und kostengünstig gelöst ist, muss weiter Energie gespart werden. Die Wärmedämmung von Gebäuden ist aber wirtschaftlich nur sinnvoll, wenn ohnehin Instandhaltungsmaßnahmen geplant sind und modernisiert werden soll.
Wo steht Deutschland bei der Energieeffizienz?
Es gibt bei uns zwei Energieeffizienz-Aktionspläne des Bundeswirtschaftsministeriums, die auf EU-Richtlinien basieren und deren Ziele innerhalb der EU nicht verbindlich sind. Wenn man das Energieeffizienzziel für 2020 erreichen will, müsste die Verbesserung bei drei Prozent pro Jahr liegen. Deutschland erreicht aber nur 1,5 Prozent. Das ist kein schlechter Wert, aber Spitzenreiter sind wir damit nicht. Im Vergleich der Effizienzsteigerung seit dem Jahr 2000 liegen Finnland, Slowenien, Ungarn und Großbritannien vor Deutschland. Dagegen weist Frankreich weniger als ein Prozent auf und Italien liegt bei Prozent.
Welche Handhabe hat die EU, um ihre Ziele durchzusetzen?
Theoretisch könnten die EU-Kommission und das Europäische Parlament die Nationalstaaten richtig anschubsen, schließlich hat der Lissabon-Vertrag ein eigenes Energiekapitel. Das geschieht aber bisher nur indirekt. Ein anspruchsvolles CO2-Minderungsziel mit Bremsern wie Polen durchzusetzen ist schwierig. Im Bereich der erneuerbaren Energien wiederum sind die EU-Ziele bis zum Jahr 2020 durchaus zu schaffen. Schon heute könnte man an einem sonnenreichen Sonntag fast die gesamte deutsche Stromversorgung über die Erneuerbaren gewährleisten. Die Crux ist aber, dass das Verbraucherverhalten der privaten Haushalte nicht mit der Verfügbarkeit der Sonnenenergie übereinstimmt. Nur in der Industrie wird tagsüber der meiste Strom benötigt. Deshalb sind technische Lösungen für die Speicherung erforderlich, damit die Photovoltaik und der Windstrom nicht mehr abgeregelt werden müssen. Langfristig könnten wir dann auch auf Energie-Importe und transnationale Leitungen verzichten. Darüber hinaus bedarf es stabiler Investitionsbedingungen für Bauherren und man muss den Rückhalt und die Akzeptanz für den weiteren Ausbau in der Bevölkerung über Beteiligungssysteme stärken.
http://www.fu-berlin.de
VKU/BDEW: Stellungnahme zum Diskussionspapier der Bundesnetzagentur
[19.02.2026] Die Branchenverbände VKU und BDEW haben sich jetzt jeweils zum Diskussionspapier der Bundesnetzagentur zu möglichen Einspeisenetzentgelten positioniert. Beide Verbände begrüßen Reformschritte bei den Stromnetzentgelten, lehnen dynamische Einspeiseentgelte jedoch ab. mehr...
Bundesnetzagentur: Orientierungspunkte für Einspeiseentgelte vorgelegt
[19.02.2026] Die Bundesnetzagentur hat jetzt Orientierungspunkte für Einspeiseentgelte vorgelegt. Daraus geht hervor, dass die Behörde Stromerzeuger ab 2029 systematisch an den Netzkosten beteiligen und dafür ein Kapazitätsentgelt sowie dynamische Einspeiseentgelte einführen will. mehr...
Solarenergie: Verstärkte Investitionen gefragt
[16.02.2026] Solarenergie ist die günstigste und populärste Art der Stromerzeugung. Bis 2030 soll die bundesweit installierte Solarleistung noch einmal nahezu verdoppelt werden. Wie gestaltet sich die Energiewende in Photovoltaik, Speichern und Solarthermie? mehr...
Offener Brief: Länder fordern mehr Ausschreibungen
[12.02.2026] Auf eine schnelle Anhebung der Ausschreibungsvolumina für Windkraft an Land drängen mehrere Energieministerinnen und -minister. In einem gemeinsamen Brief wenden sie sich deshalb an die Bundesnetzagentur und das Bundeswirtschaftsministerium. Hintergrund sind verfehlte Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien. mehr...
Netzpaket: Verbände sehen Nachbesserungsbedarf
[12.02.2026] Zum Referentenentwurf für das sogenannte Netzpaket nehmen weitere Branchenverbände Stellung. BDEW und BEE sehen Nachbesserungsbedarf und warnen vor Eingriffen in Planungssicherheit und Investitionsbedingungen. mehr...
Pläne der Bundesregierung: Netzpaket stößt auf Kritik
[11.02.2026] Die geplanten Änderungen beim Netzanschluss für erneuerbare Energien sorgen für Widerstand. Neben dem Bundesverband WindEnergie warnt auch die rheinland-pfälzische Klimaschutzministerin Katrin Eder vor den Folgen für Investitionen, Kommunen und die Versorgungssicherheit. Sie fordert einen Kurswechsel zugunsten von Netzausbau und Flexibilität. mehr...
Baden-Württemberg: Klimaschutz-Programm reaktiviert
[04.02.2026] Kommunen in Baden-Württemberg können wieder Förderanträge für Beratungs- und Begleitmaßnahmen zur energetischen Sanierung öffentlicher Gebäude stellen. Das Land reaktiviert dafür den zweiten Teil des Programms Klimaschutz-Plus und ergänzt die bereits laufende Investitionsförderung. mehr...
Steinbeis: Neue AG für Konfliktkommunikation
[02.02.2026] Eine neue Arbeitsgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, Konflikte bei Energie- und Infrastrukturprojekten zu verringern. Sie richtet sich an Verantwortliche aus Unternehmen und Kommunen. Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürger stärker in Planungen einzubeziehen. mehr...
BDEW: Milliardeninvestitionen in den Netzausbau gefordert
[02.02.2026] Neue Regionalszenarien der Stromverteilnetzbetreiber zeigen einen drastisch steigenden Bedarf an Netzanschlüssen bis 2045. Der BDEW fordert deshalb Milliardeninvestitionen in den Netzausbau und bessere regulatorische Rahmenbedingungen, um privates Kapital zu mobilisieren. mehr...
KRITIS-Dachgesetz: BDEW fordert Tempo
[30.01.2026] Der Bundestag hat gestern das KRITIS-Dachgesetz zur Umsetzung der CER-Richtlinie verabschiedet. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft fordert nun Tempo, klare Zuständigkeiten und eine praxisnahe Ausgestaltung, um die Resilienz kritischer Infrastrukturen wirksam zu erhöhen. mehr...
Gebäudeenergiegesetz: Spitzenverbände fordern Reform
[29.01.2026] Mehrere Spitzenverbände aus Energie-, Kommunal- und Immobilienwirtschaft fordern eine schnelle und grundsätzliche Reform des Gebäudeenergiegesetzes hin zu einem Gebäudemodernisierungsgesetz. Sie verlangen klare, investitionsfreundliche und praxistaugliche Regeln, die nationale und europäische Vorgaben zusammenführen. mehr...
VKU: Kurskorrektur beim Offshore-Ausbau gefordert
[28.01.2026] Der Verband kommunaler Unternehmen fordert anlässlich des Nordsee-Gipfels eine Kurskorrektur beim Ausbau der Offshore-Windenergie. Ziel sei ein Ausbaupfad, der Systemkosten begrenzt, Netze besser auslastet und Investitionen wirtschaftlich tragfähig macht. mehr...
BSW-Solar: Bündnis fordert Fortsetzung der Photovoltaik-Förderungen
[28.01.2026] Ein breites Bündnis aus Wirtschafts- und Zivilgesellschaftsverbänden warnt vor geplanten Kürzungen bei der Förderung von Photovoltaik auf Gebäuden. Nach Ansicht der Unterzeichner würde ein Abbau der Förderung den Solarausbau bremsen, Strompreise verteuern und die Klimaziele gefährden. mehr...
Rheinisches Revier: Gigawattpakt erreicht Ausbauziele
[26.01.2026] Der Gigawattpakt im Rheinischen Revier erreicht schneller als geplant zentrale Ausbauziele: Die installierte Leistung erneuerbarer Energien ist seit Ende 2020 auf 4,4 Gigawatt gestiegen. Damit rückt die für 2028 vorgesehene Marke von fünf Gigawatt bereits nach knapp vier Jahren in greifbare Nähe. mehr...
Schleswig-Holstein: Erhöhung des Bürgerenergiefonds
[20.01.2026] Schleswig-Holstein erhöht den Bürgerenergiefonds um weitere fünf Millionen Euro und stärkt damit die Finanzierung von Energieprojekten in Bürgerhand. Das Gesamtvolumen des Fonds steigt auf 15 Millionen Euro und soll neue Wind-, Solar- und Wärmeprojekte anschieben. mehr...














