InterviewBlick durch die Energiebrille

Im Interview: Klaus Grabbe
Klaus Grabbe, Jahrgang 1952, hat an der Universität Essen Architektur sowie Städte- und Regionalplanung studiert und seine berufliche Laufbahn 1983 als Stadtplaner in Heilbronn begonnen. Seit 1998 ist Grabbe Erster Bürgermeister der Stadt Neckarsulm und w
(Bildquelle: Stadt Neckarsulm)

Im Interview: Klaus Grabbe
Klaus Grabbe, Jahrgang 1952, hat an der Universität Essen Architektur sowie Städte- und Regionalplanung studiert und seine berufliche Laufbahn 1983 als Stadtplaner in Heilbronn begonnen. Seit 1998 ist Grabbe Erster Bürgermeister der Stadt Neckarsulm und w
(Bildquelle: Stadt Neckarsulm)
Herr Bürgermeister, Neckarsulm zählt zu den Vorreitern einer umweltbewussten und ökologisch beispielhaften Politik – welche Eckpunkte zeichnen diese aus?
Zunächst einmal haben wir uns schon sehr früh dieser Thematik gestellt. Heute gibt es ja so gut wie keine Kommune mehr, die sich nicht mit Klimaschutz und regenerativem Energieeinsatz beschäftigt. Wir tun das bereits seit mehr als 20 Jahren. In den 1990er-Jahren haben wir uns erstmals entschieden, mit der solaren Wärmeerzeugung in Wohngebieten neue Wege zu betreten. Das war damals der große Quantensprung, sich nicht auf Einzelgebäude zu beschränken, sondern ganze Wohnsiedlungen solar zu beheizen. Das hehre Ziel, das wir uns im Rahmen des Pilotprojekts „Solar unterstützte Nahwärmeversorgung mit Erdsonden-Wärmespeicher“ im Stadtteil Neckarsulm-Amorbach gesetzt hatten, waren 50 Prozent solare Deckung – was wir mittlerweile auch erreicht haben. Für das Projekt haben wir verschiedene externe Belobigungen wie etwa den Deutschen Solarpreis erhalten, außerdem haben wir in der Gruppe der Kommunen zwischen 10.000 und 100.000 Einwohnern seit 2002 fünfmal den Titel „Deutscher Meister“ in der Solarbundesliga erhalten. Das bestätigt uns natürlich darin, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Auch die Gremienarbeit fällt leichter, wenn man von außen gelobt wird.
„Anfang der 1990er-Jahre wurde in Frage gestellt, dass regenerative Energie eine Alternative ist.“
War es schwierig, das Thema in der Verwaltung anzuschieben?
Ja, denn Anfang der 1990er-Jahre herrschte noch große Unkenntnis darüber, dass regenerative Energie überhaupt eine Alternative sein kann. Das ist damals absolut in Frage gestellt worden. Kommunen sind es gewohnt, mit spitzem Bleistift zu rechnen, da kam schon einmal der Vorwurf, illusionistisch oder naiv zu sein, wenn Sie sich als Verantwortlicher einer Stadt intensiv mit solchen Themen beschäftigt haben.
Welche Maßnahmen ergreift die Stadt Neckarsulm konkret im Bereich erneuerbare Energien?
Der Einstieg in dieses Thema war für uns wie erwähnt die Solarthermie. Wir haben uns aber nicht auf eine Art der regenerativen Energieerzeugung konzentriert, sondern wollten uns dem Dreiklang aus Energievermeidung, Energieeffizienz und dem Einsatz erneuerbarer Energien jeglicher Form stellen. Gemeinsam mit den Stadtwerken haben wir daher im Jahr 2004 ein Biomasseheizkraftwerk mit 14 Megawatt Leistung gebaut – an diese Größenordnung haben sich andere Kommunen damals nicht herangetraut. Von diesem Heizkraftwerk aus haben wir dann zusätzliche Leitungen gebaut, sodass wir unsere damals sieben Nahwärme-Inseln im Stadtgebiet mit Biowärme versorgen und zudem sehr effektiv Strom erzeugen konnten. So ist es uns auch gelungen, die regenerativen Energien in die Wirtschaftlichkeitszone zu bringen. Darüber hinaus arbeitet Neckarsulm im Bereich erneuerbare Energien intensiv mit dem Institut für Thermodynamik und Wärmetechnik (ITW) an der Universität Stuttgart zusammen. Kooperationen gibt es zudem mit örtlichen Solarunternehmen. So haben wir zum Beispiel ein Pilotprojekt in unserem Freibad angestoßen, bei dem Badewasser solar gereinigt wird. Andere Ideen, die beim Blick durch die Energiebrille entstehen, sind Projekte wie die solare Klärschlammtrocknung. Wir hoffen, dass wir den Siedlungsabfall in Zukunft selbst als Energieträger verwenden und zum Beispiel in unserer Biomasseanlage verbrennen dürfen. Dies ist derzeit aufgrund gesetzlicher Bestimmungen noch nicht möglich. Im Jahr 2000 hat die Stadt Neckarsulm zudem ein kommunales Klimaschutzkonzept verabschiedet und dabei auch einen Fördertopf aufgemacht. Finanziell unterstützt wurden private Maßnahmen, welche der Energieeinsparung dienten – etwa die Wärmedämmung von Gebäuden –, gefördert wurden aber auch damalige Exoten wie Mini-BHKW oder die Geothermie. Das Förderprogramm wurde von der Bevölkerung sehr gut angenommen und hat den Klimaschutzbemühungen der Stadt einen Riesenschub gegeben.
Welche Bilanz können Sie rund 20 Jahre nach dem Start des Pilotprojekts „Solar unterstützte Nahwärmeversorgung mit Erdsonden-Wärmespeicher“ ziehen?
Insgesamt haben wir mit dem Erdsonden-Wärmespeicher hauptsächlich positive Erfahrungen gesammelt und auch die ein oder andere Erkenntnis für Nachbesserungen gewonnen. So wird bei der Speicherung von Sonnenenergie im Erdreich der Speicher im Sommer sehr heiß. Da zudem wenig Energie abgezogen wird, kommt es zu einem Abschalten der Heizung. Dieses Problem haben wir gelöst, indem wir eine Wärmepumpe in den Rücklauf des Systems eingebaut haben, welche aus der hohen Rücklauftemperatur Strom erzeugt und ein kühleres Medium in den Kreislauf zurückgibt. Diese Temperatursenkung sorgt nun für eine erheblich wirtschaftlichere Verwendung der Energie. In sehr kalten Wintermonaten erfolgt dagegen eine Zuheizung über ein separates Blockheizkraftwerk, in Neckarsulm wird dieses momentan mit Bioerdgas betrieben. Man könnte aber auch eine klassische Biogasanlage oder eine Holzhackschnitzelheizung an das System anschließen und wäre damit 100 Prozent regenerativ. Wie wir es uns gewünscht hatten, ist das System der solaren Wärmespeicher mittlerweile von einigen Kommunen wie etwa der Stadt Crailsheim als Vorbild genommen worden. Unsere Erfahrungen waren auch insofern positiv, weil sie eine wichtige Entwicklung deutlich gemacht haben: Wir müssen wegkommen von den ganz großen Kraftwerken und den damit einhergehenden, riesigen Energieverlusten. Notwendig sind in Zukunft vielmehr mittelgroße Kraftwerke, die als Nahwärme-Inseln funktionieren und ein Netz versorgen, das deutlich überschaubarer ist als das heutige.
Sie plädieren also klar für eine dezentrale Energieversorgung?
Unbedingt. Ich glaube, dass wir einen radikalen Umbau der Energieversorgung erfahren werden. Dabei werden die Stadtwerke, die schon in der Vergangenheit die Treiber waren, eine wichtige Rolle spielen. Sie haben das Thema erneuerbare Energien nicht nur entwickelt, sondern zu Beginn auch das Lehrgeld bezahlt, als andere noch mit Kernkraft Geld verdient haben.
Dass Neckarsulm ein Pionier bei erneuerbaren Energien ist, ist zu einem großen Teil Ihrer Person zu verdanken. Woher rührt Ihr starkes persönliches Engagement?
Mir ist die allumfassende Bedeutung der Energieversorgung für unseren Wohlstand und unsere Nachkommen sehr bewusst. Es gibt keine Schicht in den Gesellschaften unserer Zivilisation, die nicht davon betroffen ist. Mit viel Herzblut habe ich mich als Vorsitzender in der Solar- und Energie-Initiative für die Region Heilbronn engagiert, welche von der Stadt und den Stadtwerken Neckarsulm gegründet wurde. In dieser als Verein geführten Initiative waren 15 unserer Nachbarkommunen sowie alle wichtigen Verbände und Organisationen Mitglied. Was wir in diesem Netzwerk geleistet haben, hat sehr stark auf die ganze Region ausgestrahlt. Vor einiger Zeit haben wir diese Solar- und Energie-Initiative aber ganz bewusst aufgelöst und arbeiten nun an der Einrichtung einer regionalen Energieagentur, die es in der Region Heilbronn bislang nicht gibt. Unser Anliegen ist es, zu professionalisieren, was bisher ehrenamtlich in Vereinsform geleistet wurde, um unsere Aktivitäten vervielfachen und noch betriebs- und volkswirtschaftlicher anpacken zu können. Die Kommunen in der Region sollen sich beim Klimaschutz und der Energieeinsparung nicht auf privates, ehrenamtliches Engagement verlassen, sondern ihren eigenen Beitrag dazu leisten.
Welche Unterstützung erfährt die Stadt Neckarsulm außerdem vonseiten der Politik?
Sicherlich am wichtigsten war für uns das europaweite EU-Förderprojekt CONCERTO „Energy in Minds“. Das Projekt, das von 2005 bis 2010 lief, hatte das Ziel, den Anteil fossiler Energieträger und den Ausstoß von CO2 in vier europäischen Städten innerhalb von fünf Jahren um 20 bis 30 Prozent zu senken. Neckarsulm wurde von der EU als einziger deutscher Teilnehmer ausgewählt. Gesucht waren Städte, die beim Klimaschutz schon relativ weit waren. Ziel war es, im Konzert der Städte voneinander zu lernen – daher der Name Concerto. Dieses EU-Projekt war für uns entscheidend, weil es erstens eine spürbare Finanzspritze für unsere Aktivitäten bedeutete, und zweitens unsere Öffentlichkeitsarbeit intensiviert hat. So konnten wir den Klimaschutz und die erneuerbaren Energien in der Bevölkerung populärer machen.
Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand von Neckarsulm auf dem Weg zur energieeffizienten Stadt?
Wir sehen uns in jedem Fall auf einem guten Weg und haben in den vergangenen Jahren viele Entwicklungen erfahren, die nachhaltig und zukunftssicher sind. Aktuelle Fragen – etwa, wie sich die Stadtwerke für die Zukunft aufstellen sollen – sind aber auch bei uns noch nicht endgültig beantwortet. Gesamtgesellschaftlich befinden wir uns immer noch ganz am Anfang des Weges. Denn eine Energiewende ist erst der Start in die Zielgerade. Auf die ein oder andere Auszeichnung, die wir im Laufe der Zeit erhalten haben, sind wir natürlich stolz. Die Zeiten, in denen wir uns gegenseitig auf die Schulter geklopft haben, wenn irgendwo eine Solaranlage installiert wurde, sind allerdings lange vorbei, das ist heutzutage Routine. Als Antrieb für die Zukunft genügt es uns, dass wir das gute Gefühl haben, unsere Aufgaben vernünftig zu erledigen. Was darüber hinaus Spaß macht, ist, dass es mittlerweile eine große Solarfamilie gibt. Menschen, die sich über die Projekte hinweg kennengelernt haben, sich immer wieder treffen und sagen können: Wir haben zum richtigen Zeitpunkt den Schalter umgelegt und halten den Kessel unter Dampf.
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